„Das Tor ins Leben“

von Grit Scholz

 

Wie es dazu kam, dass ich ein Vagina-Bilderbuch machte und was meine Eltern dazu sagten.

 

Es fing schon in meiner Jugendzeit an, als sich meine Yoni zu verändern begann und ich das damals mit Grausen beobachtete. Nachdem sich die Haut dunkel verfärbt hatte und sich seltsame ungleichmäßige Hautlappen gebildet hatten, war ich mir ziemlich sicher, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Es gab damals niemanden, der oder die mir erklärt hätte, wie eine Vagina sich verändert, wenn Mädchen sich zu Frauen entwickeln. Dass Frau Haare bekommt und anfängt monatlich zu bluten, das war mir bekannt. Aber was für Formen mein Körper an dieser Stelle entwickelte, das hat mich tief erschreckt.

Damals spürte ich den Wunsch, die Yonis von anderen Frauen sehen zu können, um zu schauen, wie andere Frauen da “unten“ aussehen. Wie kleine Mädchen aussehen, das sieht man hin und wieder, weil Kinder ungezwungen nackig herumlaufen, keine Haare und keine Scham diesen Bereich verschließen und uneinsehbar machen. Dieses kleine “Brötchen“, bestehend aus den großen Schamlippen, war mir bekannt und vertraut, das wollte ich gern wieder haben. Doch inzwischen hing mir seltsam faltige, bräunliche Haut zwischen den Beinen. Wie gut, dass ich inzwischen auch Haare hatte und dass das niemand direkt sehen konnte.

Irgendwann habe ich mich daran gewöhnt, dass es so ist, aber glücklich war ich damit nicht und wirklich wohl gefühlt habe ich mich damit auch nicht und schön konnte ich meine Yoni schon gar nicht finden.

Die Tatsache, dass Männer sich scheinbar besser auskennen mit der Vielfalt, Gestalt und Beschaffenheit der Yoni als viele Frauen selbst, gab mir zu denken. 

Ich fragte mich, wieso dieser Körperteil so stark tabuisiert wurde. Da ich im Osten Deutschlands aufgewachsen bin, kam ich auch nicht mit pornografischen Darstellungen in Kontakt, sondern allenfalls noch mit medizinischen, die aber nur gezeichnet waren und viel mehr dem “Brötchen“ glichen, als dem, was sich da bei mir entwickelt hatte.

FKK war bei uns ganz normal, aber auch da sah man nur die haarigen Dreiecke. Und mir fiel auf, dass keine Frau sich breitbeinig an den Strand legt, so wie viele Männer das tun.

Im Laufe meines Lebens habe ich für mich entdeckt, dass mit mir alles in Ordnung ist.

Aber es wurde mir nicht leicht gemacht, das herauszufinden und es tauchte immer wieder der Wunsch auf, dass diese “Verstecktheit“ rund um die Yoni sich doch irgendwie auflösen müsste.

In unserer Zeit, in der es zum Selbstverständnis geworden ist, sich mit dem eigenen Körper zu beschäftigen, bewusst mit Verhütung umzugehen, zum Frauenarzt zu gehen usw., in der Zeit, wo wir sensibelste Geräte entwickeln, um in die entlegensten Winkel und Innereien unserer Körper mit Kameras vorzudringen, um das was innen ist, außen auf einem Bildschirm sichtbar zu machen. In solch einer Zeit kann es doch nicht sein, dass Frauen nicht wissen, wie die Yonis von Frauen aussehen können. 

Die Arbeit an dem Buch hat auch in meinem Leben einige “Wellen“ gemacht, denn es fiel mir beispielsweise nicht leicht, meinen Eltern zu erzählen, an was für einem Projekt ich gerade arbeite.

Meine Mutter war erst mal sprachlos und meinte dann, dass sie noch nie auf die Idee gekommen ist, “da unten“ hinzuschauen, oder wissen zu wollen, wie das aussieht. Meine Idee stieß also auf großes Unverständnis, gepaart mit liebevoller Toleranz, was ich auch nicht anders erwartet hatte. Ich konnte spüren, wie peinlich, unangenehm dieses Thema meines Projektes für meine Eltern war.

Mir wurde plötzlich bewusst, wie vertrackt solch eine Sache sein kann. Denn mein größter Wunsch, dass dieses Buch eine breite Öffentlichkeit erreicht, würde meinen Eltern ganz großes Unbehagen bereiten. Diese Vorstellung hat mich belastet, und ich habe mich gefragt, ob ich Ihnen das überhaupt antun kann.

Ich versuchte meine Erlebnisse, die ich während der Arbeit mit den Frauen hatte und meine Gedanken und Gefühle meiner Mutter mitzuteilen, in dem ich immer wieder davon erzählte, obwohl bei dem Thema jedes mal eine angespannte Stimmung entstand.

Irgendwann rief meine Mutter mich an und erzählte mir, dass sie bei Ihrer Physiotherapeutin war, eine Person ihres Vertrauens, und ihr von meinem Buchprojekt erzählt hat. Sie musste einfach mal mit jemandem darüber sprechen, vielleicht auch um Trost zu finden.

Als diese Therapeutin dann ganz begeistert war und ausrief, dass sie schon immer dachte, das es so etwas mal geben müsste, war meine Mutter ganz verdutzt.

Sie meinte, dass es vielleicht gar nicht so abwegig wäre, wie sie Anfangs gedacht hat, wenn auch andere Leute so was gut finden.

Um so mehr hat es mich berührt und bewegt, als mir meine Mutter, Wochen später, ohne dass ich sie gefragt habe, erlaubt hat auch mein “Tor in die Welt“, ihre Yoni, zu fotografieren. Wobei sicherlich auch meine Tante Else eine große Rolle spielte. Auf einem Familienfest erzählte ich, nach einigem zögern, auch meiner Verwandtschaft von meiner Arbeit und dem Buch. Es kam mir so vor, als zuckten die Frauen leicht zusammen und die Männer machten riesengroße Augen. Dann war erst mal Stille. Ich redete immer weiter und irgendwann löste sich dann die Spannung und einer nach dem anderen fing an zu erzählen. ...ich hab da mal im Fernsehen was gesehen, oder; wie heißt die noch mal, die das Buch geschrieben hat, von dem..., ach mir fällt der Name nicht ein. 

Nach einer ausgedehnten Gesprächsrunde zu diesem Thema, was ich vorher fast für unmöglich gehalten hätte, meinte meine Tante Else (74 Jahre), dass sie auf jeden Fall auch mit in das Buch rein will. Ich hätte sie knutschen können! Das war so ein unglaubliches Gefühl. Am nächsten Tag kam sie dann auf mich zu, hatte sich ganz schön gemacht, die Lippen geschminkt und wollte Fotos machen. Es war so lustig und unverkrampft, im Gartenhäuschen meiner Eltern, dass ich wirklich verblüfft war. Das war für mich ein richtiges Meine Mutter war ebenfalls verblüfft, als ich ihr sagte, dass ich soeben Tante Else fotografiert habe. In dem Moment tauchte für sie das erste mal die Möglichkeit auf darüber nachzudenken, ob sie sich nicht auch fotografieren lässt.

Mit meinem Vater war es schwieriger. Mit ihm habe ich auch nicht so viel darüber gesprochen, denn seine Miene, wenn ich das Thema anschnitt, war eine Mischung aus Befehl und flehen: Sprich mich bitte nicht an!

Inzwischen diskutierte ich eifrig mit meiner Mutter über Vertriebsmöglichkeiten und Dinge, die da noch so dran hängen. Mein Vater saß dann meist wortlos daneben. Irgendwann ist ihm der Kragen geplatzt und er hat sich Luft gemacht. Er verstehe überhaupt nicht, wozu das gut sein soll, es ist ihm einfach nur zuwider, dieses ganze Thema, er fühlt sich damit nicht wohl.

Tja, wir wussten das ja schon, doch so ausgesprochen hatte das noch mal eine andere Wirkung.

Für mich war die Frage, wie kriege ich meinen Vater mit ins Boot, denn so konnte das nicht gut gehen. Denn auch meine Mutter konnte mit meinem Vater darüber nicht sprechen , obwohl es ihr ein Bedürfnis war. 

Ich gab meinem Vater den Prolog zu lesen, als ich ihn gerade frisch geschrieben habe, so ganz ins unreine. So richtig wollte er nicht ran, aber dann hat er ihn doch gelesen, hat lange gebraucht für die fünf Seiten, danach war plötzlich seine ganze Ablehnung diesem Thema gegenüber einem gewissen Verständnis gewichen. Er meinte, er hätte ja keine Vorstellung davon gehabt und wenn er das so liest, dann kann er das schon nachvollziehen. Meine Mutter war auch sichtlich erleichtert. Witziger Weise begann mein Vater gleich darauf eifrig den Prolog Korrektur zu lesen.

Ich war so froh, weil jetzt waren wir wieder alle zusammen im Boot und ich wusste, dass mir das für eine gute Arbeit wichtig ist.

Denn wenn ich das, was ich der “Welt“ zeigen will, selber nicht geschafft hätte, im kleinen Rahmen, dann hätte ich wohl an meiner Intension gezweifelt.

 

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Grit Scholz 

Geboren 1965 in Leipzig, viele Jahre in Mannheim und zwei Jahre in Bayern gelebt und beim Connection Verlag das Layout gemacht, ab 2002 im Fläming bei Belzig und heute in der Elsteraue zu Hause.

Mutter von zwei Kindern, arbeitet als freiberufliche Grafik-Designerin für eigene Kunden.

Seit 2006 arbeitete sie an dem Buchprojekt “Das Tor ins Leben“, dessen Auftraggeberin sie selbst war, Verlagsgründung im Juli 2007.

 

Das Buch ist zu bestellen bei:

www.Lebensgut-Verlag.de