Rezension:

Grit Scholz: „Das Tor ins Leben“

In der Zeitschrift „Connection“ sah ich eine Vorankündigung für das Buch: „das Tor ins Leben“ von Grit Scholz. Mit Staunen las ich die verschiedenen Meinungen dazu, Yoni-Bilder öffentlich zu zeigen. (YONI – Sanskrit Name für die weiblichen Genitalien, die in tantrischen Traditionen als heilig verehrt werden). Ich begann, mich zu fragen, wie ich selber dazu stehe und in mir wuchs der Wunsch, das Buch zu sehen. Nun halte ich das Buch in Händen und habe das Gefühl, einen wertvollen Schatz geschenkt bekommen zu haben. Schon allein der Titel und das Einbandbild vermitteln mir dieses Gefühl: goldene Schrift, ein geheimnisvolles, dunkles Bild einer Felsenhöhle. Ich lese Grits Text auf der Rückseite des Buches: sie möchte eine natürliche, selbstverständliche Sichtweise auf die sonst den Blicken verborgenen, weiblichen Genitalien ermöglichen. Fast alle von uns sind aus dem Inneren unserer Mutter, durch dieses „Tor ins Leben“ auf diese Welt gekommen. Der Hintergrund dieses Buches sind das Staunen und die Dankbarkeit für die Großartigkeit der Schöpfung, die Achtung vor dem Wunder des Lebens. Und ein Blick auf die Yoni, der nicht pornographischen oder medizinischen Zwecken dient, sondern ohne Absicht, ohne Vor-Urteile, mit Liebe, Annahme und Staunen – mit „weiblichem“ Blick, uns dieses „Tor ins Leben“ zeigt. Grit hat insgesamt 65 Frauen fotografiert, im Alter zwischen 18 und 75 Jahren. Parallel dazu hat sie Natur-Aufnahmen gemacht, von Stellen, die sie von Farbe und Form her an Yonis erinnert haben. Diese Fotos stellt sie einander gegenüber. Teilweise macht sie auch Fotomontagen, in denen sie Bilder von Yonis und Naturaufnahmen miteinander verbindet. Im Vorwort erzählt sie, warum dieser Wunsch in ihr gewachsen ist, wie die Fotos entstanden sind, mit welchen Reaktionen sie konfrontiert war.

Bilder von Yonis in Großaufnahme zu sehen löst ziemlich viele Gefühle aus – auch in mir. Was mich persönlich betrifft: ich weiß, wie meine Yoni ausschaut. Und ich kann mich noch gut an mein Erstaunen erinnern, als ich in einem Tantra-Seminar die Yonis der anderen Frauen sehen durfte und es nicht fassen konnte, dass sie ANDERS aussahen als meine. Diese Vielfalt, die sich die Natur einfallen lässt, einfach umwerfend. Es ist aber nochmals etwas Anderes, so viele Yonis in Großaufnahme zu sehen. Sie sind ja normalerweise versteckt, unsichtbar, eben ein Geheimnis. Das erste Gefühl ist dann schon ein eher unangenehmes – eben das Gefühl, dass etwas sehr Intimes öffentlich gemacht wird, ein gewisses Erschrecken. Aber je mehr ich diese Bilder mit liebevollem, absichtslosem, neugierigem Blick betrachtet habe, umso größer wurde in mir dieses Staunen über das Wunder und den Einfallsreichtum der Natur und des Lebens. Auch mein Körper-Gefühl hat sich dadurch geändert. Es ist mir noch mehr bewusst geworden, dass mein Frauen-Körper „offen“ ist, ein „Tor“ nach innen und nach außen hat. Es gibt mir ein Gefühl von Verletzlichkeit, weiblicher Hingabe- und Aufnahmefähigkeit, aber auch von großer Kraft. Für mich war die Yoni immer so etwas wie eine versteckte „Rose“ zwischen den Beinen (in mittelalterlichen Liedern gibt es ja auch das Bild vom Rosen-Garten, vom Paradies-Garten der Geliebten). Die Yoni, die wie ein Mund den Lingam (Penis) des Geliebten aufnehmen und umarmen kann. Für mich war sie immer ein heiliger und geheimnisvoller Ort der Liebe, des Lebens und der Begegnung. Grits Bilder haben dieses Gefühl in mir noch verstärkt. Danke dafür.

Sie wünscht sich ja, mit diesen Bildern Frauen in ihrer Selbst-Findung und ihrem Selbst-Verständnis zu unterstützen und einer breiten Öffentlichkeit eine andere Sichtweise auf die weiblichen Genitalien zu ermöglichen. Und meiner Meinung nach ist ihr das mit diesem wunderschönen Bild-Band wirklich absolut gelungen.

Jede Frau ist einzigartig und genauso ist ihre Yoni einzigartig und hat ihre eigene, natürliche Schönheit - und will in Liebe gesehen und angenommen werden.

Gabriele Herbst, geb. 1957. Buchhändlerin und Biodanza-Gruppenleiterin. Lebt und arbeitet in Wien.